Schuld und Sühne im Stromnetz


Es dürfte an fast niemandem vorbei gegangen sein, als vor wenigen Tagen die Presse vermeldete: „Rekordkosten für Noteingriffe ins Stromnetz“. Und natürlich sind die Erneuerbaren Energien schuld, die schneller zugebaut werden als die notwendigen Stromtrassen.

„Allein Tennet kostete das 2017 eine Milliarde Euro – am Ende zahlen die Stromkunden.“ berichtete z. B. Tagesschau.de

Woher stammen solche Kosten?

In der deutschen Energielandschaft sind sogenannte Netzbetreiber zuständig, die Energienetze zu planen, auszubauen, zu warten und zu managen. Um unser Stromnetz stabil zu halten, muss eine bestimmte Stromfrequenz gehalten werden, was bei übermäßig viel Stromerzeugung – zu hohe Frequenz – bzw. einer Erzeugungsflaute – zu wenig Spannung im Netz – entsprechend kompliziert wird. Die Stromnetzbetreiber greifen in solchen Fällen ein, indem die Erzeugung in Kraftwerken hoch und runter gefahren wird, Energiespeicher verwendet werden oder große Energieverbraucher zu einem gewissen Grad abgeregelt werden. Diese ständigen großen und kleinen Anpassungen kosten natürlich Geld. Dieses Geld stammt aus den Netzentgelten, die jeder Stromverbraucher auf seiner Jahresrechnung finden kann – die Kosten werden auf den Endverbraucher umgelegt. Mehr zu dem Themenkomplex der Regelungsmaßnahmen von Stromnetzbetreibern finden sich im Netz unter dem Schlagwort „Redispatching“.

Wer ist Schuld?

Für Lex Hartmann, Geschäftsführungsmitglied bei Tennet, ist das klar: „Das Netz ist wegen des starken Zubaus der Erneuerbaren weiter extrem belastet.“ so Tagesschau.de. Nicht nur, dass wir zu viele Erneuerbare Erzeuger bauen, beim Stromnetz schludern wir auch noch – so kann das ja nichts werden!

Tatsächlich lohnt es sich immer mehr, Strom mit erneuerbaren Energien zu erzeugen. Es ist eine nachhaltige und wirtschaftliche Investition, je nach Umfeld Windkraftanlagen, Photovoltaik und weitere dezentrale Anlagen einzusetzen. Tatsächlich kommt der Stromnetzausbau in Deutschland seit einigen Jahren nicht so recht voran – vordergründig wegen Bürgerbeschwerden über unschöne oder tatsächlich übergriffige Trassenverläufe. Aber das ist ein ganz eigenes Thema – eine Stellungnahme zum aktuellen Stromnetzentwicklungsplan 2030 habe ich übrigens über meinen Arbeitgeber veröffentlicht (pdf).

Aber was ist mit den fossilen Kraftwerken?

Die Bundesnetzagentur spricht in der aktuellen Meldung zwar davon, dass eine hohe Versorgungssicherheit grundsätzlich gegeben ist, aber „die Eingriffskosten auf bis zu vier Milliarden Euro bundesweit im Jahr anwachsen“ könnten. Das klingt schon sehr schlimm. „Die Stabilisierung der Netze ist komplexer geworden und kostet uns alle viel Geld. Diese Kosten sinken erst durch die großen Stromleitungen.“ sagt Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur. Dass die BNetzA für den Stromnetzausbau plädiert wundert natürlich nicht.

Was in dieser ganzen Geschichte aber zu kurz kommt, ist die Rolle von fossilen Kraftwerken im fortwährenden Bedarf die Stromnetze zu regulieren. „Eine Stilllegung von Kohlekraftwerken könnte die Versorgungssicherheit sogar steigern. […] Der Großteil der Kohlekraftwerke hat heute eine belastende Wirkung auf das Netz.“, berichtet z. B. Spiegel Online bereits im November aus Kreisen der Bundesnetzagentur und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Anstatt zu betonen, wie schrecklich schlimm die Erneuerbaren Energien die Stromnetze vollstopfen, kann man sich das Thema ja auch einfach mal aus der anderen Perspektive anschauen. Vor allem, da die Erneuerbaren politisch, technisch und wirtschaftlich die mit Abstand nachhaltigsten Erzeugungsanlagen sind.

So produzieren die klassischen Kohlekraftwerke genau so wie Atomkraftwerke ziemlich stabil eine relativ klar definierte Menge Energie. Diese Kraftwerke sind besonders unflexibel, da sie nur mit entsprechendem Vorlauf hoch und runter geregelt werden können. Fakt ist, dass der Mix aus immer noch vielen fossilen/atomaren Großkraftwerken und unzähligen Erneuerbaren Energieerzeugern, deutlich mehr Strom erzeugt als in Deutschland verbraucht wird.

Die Experten aus Ministerium und Behörde sprechen davon, dass mindestens 7 Gigawatt Kohlekraftwerkskapazität problemlos abgeschalten werden könnten. Das würde selbst nach Abschaltung des letzten Atomkraftwerkes im Jahr 2023 einen Überschuss bedeuten, der je nach Situation in Energiespeicher oder Stromexporte fließen kann. Das entsprechende Expertenpapier lässt sich online finden, kam nur gerade mitten in den Sondierungsgesprächen der gescheiterten Jamaika-Koalitionsparteien sowohl ungelegen, als auch zu kurz. Die Echtheit des Papiers wurde bestätigt, die Inhalte sind aber nicht mit der Leitung abgestimmt. Für den Moment sind diese Aussagen politisch einfach noch nicht opportun, da sie weitestgehend den Forderungen der Grünen entsprechen und den Forderungen von CSU und FDP widersprechen.

Die Lobbyarbeit der Betreiber fossiler Großkraftwerke kann man natürlich verstehen, da die Abschreibung dieser Anlagen im Regelfall auf mehrere Jahrzehnte verteilt ist und eine baldige Abschaltung für größere Belastung in der Bilanz sorgt.

Jenes Expertenpapier betont übrigens auch die Selbstverständlichkeit tagtäglicher Stromim- und -exporte und das Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit grundsätzlich europäisch zu denken seien. Das ist natürlich richtig, auch weil wir sowieso seit Jahren den Regeln eines europäischen Strombinnenmarktes folgen, alle Prozesse und Schnittstellen in der Energiewirtschaft darauf abgestimmt sind.

Fazit: die Erneuerbaren Energien sind nicht allein Schuld an Redispatching und den damit verbundenen Kosten. Es wird zu viel Energie erzeugt. Wir können problemlos eine größere Menge fossile Kraftwerke abschalten.


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