Jena Paradies

Jena. Nazistadt. Brauner Sumpf. Rechter Terror. Überall kahlgeschorene, mit SS-Runen ausgestattete Schlägertypen. Bürger mit Migrationshintergrund können sich nicht frei bewegen. Diese Vorstellung kann man von Jena haben, wenn man der, nun ja, “interessanten” Berichterstattung eines ZDF-Beitrages, die in diesem Jenapolis-Artikel verlinkt ist, glaubt. Diese Meinung kann man von Jena natürlich auch haben, wenn man mal in Jena gewesen ist – oder hier gewohnt hat – aber dann muss man schon signifikant andere Erfahrungen gemacht haben als wohl die meisten Jenaer.

 

Natürlich spreche ich hier nur für mich, anhand meiner subjektiven Erfahrungen und meiner politischen Aktivität. Seit dreieinhalb Jahren wohne ich in Jena und seit zweieinhalb Jahren engagiere ich mich in der Piratenpartei, bin hier deren lokaler Vorsitzender und tausche mich natürlich auch mit der politischen Konkurrenz bzw. den potenziellen Partnern aus. Zu Beginn muss ich festhalten: ich habe hier keinerlei nachhaltig schlechte Einzelerfahrung mit Nazis gemacht. Soll heißen, ich wurde weder auf offener Straße noch hinter vorgehaltener Hand von Nazis bedroht oder belästigt. Natürlich kann man jetzt sagen: ja, der Eckart, das ist ja auch die klassisch-weiß-ethnische Mittelschicht, wer soll den schon anmachen? Aber bis vor 1-2 Jahren lief ich auch noch mit Pseudo-Iro rum und noch heute erfreue ich mich der Punkmusik – Schleimkeim lässt grüßen – und entsprechenden Fan-T-Shirts und co.

Nun, was also motiviert jemanden wie Steven Uhly einen hetzerischen Fernsehbeitrag mit dem ZDF – was machen die da eigentlich mit meinen GEZ-Gebühren – zu produzieren? Wenn man noch kurz vorher ein Buch zu diesem Thema geschrieben hat und dieses mit einer relativ günstigen Marketingkampagne vermarkten will, dann pöbelt man so eine Stadt wie Jena an, natürlich. Jena ist jung, Jena ist engagiert und emanzipiert. In Jena ist man ein wenig stolz auf seine Stadt, schließlich läuft hier ja inmitten der tristen Ostlandschaft doch alles ziemlich gut. Das Berlin, nein, das New York Thüringens, wenn man so will. Und natürlich funktioniert das. Mindestens an diesem Beitrag und den diversen Anderen erkennt man, das die stolzen Jenaer sofort aufspringen und sich empören. Wie kann der sowas machen und überhaupt, der hat doch garkeine Ahnung. Das der Herr Uhly keine Ahnung hat will und kann ich an dieser Stelle garnicht dementieren - ich bin sogar ziemlich überzeugt davon - aber anhand dieser Entrüstungswelle empört man sich an der relevanten Problematik schlichtweg vorbei.

Denn Jena hat natürlich Nazis. Natürlich sage ich, weil es überall in Deutschland Nazis gibt. Dabei ist es auch egal, ob es im “Westen” weniger gibt, das ist völlig egal. Es gibt überall Nazis. Natürlich kann man jetzt schreien: ja, freier Staat, freie Meinungsäußerung und natürlich kann man entgegnen: ja nee, rechts ist keine Meinung, das ist ein Verbrechen. Aber man kann auch einfach mal versuchen ernsthaft an diesem Problem zu arbeiten. Das Hetzen und Pöbeln in alle Richtungen bringt nichts.

Es gibt in Jena nicht wenige Organisationen, die sich bewusst und engagiert gegen rechts einsetzen: KoKont, das Aktionsnetzwerk, die JG Stadtmitte usw.. Es gibt auch in der Jenaer Stadtpolitik keinen Platz für Nazis, sei es NPD, DVU oder vergleichbares – damit das so bleibt kämpfe ich übrigens für eine starke Piratenpartei, denn wer sonst könnte unentschlossene Protestwähler überhaupt zur Wahlurne und vom NPD-Kreuzchen weg ziehen? Im Universitären Bereich finden sich außerdem unzählige nicht deutschstämmige Studierende – nicht gerade die Vorstellung einer Nazistadt. In das Bild der international operierenden High-Technology-Unternehmen Jenas passt das auch irgendwie nicht. Ich erinnere mich auch an eine NPD-Mahnwache 2009 mit 15 Nazis und 300 Gegendemonstranten.

Ganz ehrlich, natürlich darf man nicht behaupten, dass Jena nazifrei wäre oder kein Naziproblem hätte. Aber anstatt sich nur zu empören, sollte man einfach mit an der Lösung des Problemes arbeiten. Engagiert euch, Jenaer. Sei es in den diversen Organisationen oder in der städtischen Politik.

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